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Sonntag, 28. Februar 2021

» Daisy Jones & The Six ; Taylor Jenkins Reid

"Daisy Jones, jung, schön, von ihren Eltern vernachlässigt, hat eine klare Stimme und einen starken Willen: Sie möchte mit ihren eigenen Songs auf der Bühne stehen. Als sie zum ersten Mal gemeinsam mit THE SIX auftritt, ist das Publikum elektrisiert von ihr und Billy, dem Leadsänger der Band. Die beiden zusammen sind nicht nur auf der Bühne explosiv und führen die Band zu ihrem größten Erfolg, auch Backstage sprühen die Funken … "

Die Handlung

Der Roman schildert die Entwicklung der Band The Six und die Anfänge von Daisy Jones, bis sie aufeinander treffen und zu Daisy Jones & The Six werden und einen ebenso kometenhaften Aufstieg hinlegen - wie auch einen dramatischen Absturz. Musikalische Genies, Egos und der Kampf gegen innere wie äußere Dämonen - eine Interviewsammlung über eine geheimnisvolle Bandgeschichte in den 70er Jahren. 

Die Bewertung

Ich bin wahnsinnig hin und hergerissen - und das war ich auch beim Lesen. Taylor Jenkins Reid hat mit diesem Roman eine Interviewsammlung mit den Protagonisten in der Band und um sie herum geschrieben, die aus ihrer absolut persönlichen Sicht erzählen, wie sich die Band entwickelte, wie sie auf Daisy Jones traf, was das Musikbusiness der 70er Jahre in Los Angeles ausmachte - Höhen, Tiefen, Drogen, Liebe, Sex und Verzweiflung. Die Hauptfiguren sind Daisy Jones und Billy Dunne, der Bandleader von The Six, und viel dreht sich um ihre unmögliche Beziehung zueinander. Und mit ihnen hat Jenkins Reid Hauptfiguren geschaffen, die ich nicht sympathisch finden konnte. Besser erging es mir da mit Camila, Billys Ehefrau, mit Karen, der Schlagzeugerin, mit Graham, Billys Bruder. Sie haben alle ihre Schwächen, ihre eigenen Kämpfe, und das alles trifft im Business aufeinander - einem Business, das allein durch die Persönlichkeit, die in die Musik einfließt, seinen Reiz hat. Und deshalb ist die Trennung dieser Band wohl von Anfang an unvermeidlich.
Dieses Buch handelt von den Egos der Figuren und das reizt einen beim Lesen. Der Interviewstil ist ein Stück weit anstrengend - und gleichzeitig extrem gut gemacht. Von einer Aussage zur nächsten werden Widersprüche aufgedeckt, die mich immer wieder schmunzeln ließen, denn es zeigt einfach, wie unterschiedlich Situationen von Menschen wahrgenommen und erinnert werden. Gleichzeitig war es beim Lesen oft aber auch anstrengend, weil es meinen Lesefluss störte, dass es mehr wie ein Dialog wirkte, obwohl die Interviews getrennt geführt wurden. Oft habe ich einfach die tatsächlichen Erzählungen gelesen und gelesen - und musste zurückschauen, welche Figur hier eigentlich gerade erzählt. Manche Figur blieb für mich sehr eindimensional - aber auch das ist der Interviewform geschuldet, die natürlich den hauptsächlichen Fokus auf die Bandgeschichte und nicht zwangsläufig auf die persönlichen Erlebnisse gelegt hat. Einige Plotfäden wurden kurz entwickelt und gingen dann wieder im großen Ganzen verloren, wurden teilweise später wieder aufgegriffen oder wiederholt, manchmal blieben sie jedoch verschwunden.
Ich verstehe, warum dieses Buch von so vielen gefeiert wird - ich liebe die starken weiblichen Figuren - aber ich persönlich habe beim Lesen zu oft gestockt. Außerdem, und das ist wiederum sehr persönlich, finde ich so drogenlastige Geschichten anstrengend und bedrückend und brauche jemanden aus der ersten Reihe, mit dem ich mich identifizieren kann.

3 (3,5) von 5 Sterne

Dienstag, 23. Februar 2021

» Mädchen, Frau etc. ; Bernardine Evaristo

"Die Dramatikerin Amma steht kurz vor dem Durchbruch. In ihrer ersten Inszenierung am Londoner National Theatre setzt sie sich mit ihrer Identität als schwarze, lesbische Frau auseinander. Ihre gute Freundin Shirley hingegen ist nach jahrzehntelanger Arbeit an unterfinanzierten Londoner Schulen ausgebrannt. Carole hat Shirley, ihrer ehemaligen Lehrerin, viel zu verdanken, sie arbeitet inzwischen als erfolgreiche Investmentbankerin. Caroles Mutter Bummi will ebenfalls auf eigenen Füßen stehen und gründet eine Reinigungsfirma. Sie ist in Nigeria in armen Verhältnissen aufgewachsen und hat ihrer Tochter Carole aus guten Gründen einen englischen Vornamen gegeben.

Auch wenn die Frauen, ihre Rollen und Lebensgeschichten in Bernardine Evaristos Mädchen, Frau etc. sehr unterschiedlich sind, ihre Entscheidungen, ihre Kämpfe, ihre Fragen stehen niemals nur für sich, sie alle erzählen von dem Wunsch, einen Platz in dieser Welt zu finden. "

Die Handlung

Amma, Shirley, Bummi, Penelope, Jazz... Bernardine Evaristo versammelt in ihrem Roman die Geschichten von Frauen. Frauen, die ihren Platz in der Gesellschaft erkämpfen müssen, die ihre Identitäten finden und verteidigen müssen, Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen machen und sind die Stimmen des Feminismus - heute und früher. Denn die Wege dieser Frauen werden nicht nur in der aktuellen Zeit verfolgt, sondern zeigen auch, wo sie herkommen - und wie weit (oder wenig weit) sie gekommen sind.
Amma beispielsweise schreibt Theaterstücke und erhofft sich ihren Durchbruch mit einem Stück, mit dem sie als schwarze Frau und als lesbische Frau ihre Stimme erheben will. Ihre Tochter Jazz sucht an der Universität ihren Weg - zwischen Privilegien und Kämpfen. Mit jeder neuen Figur, die Evaristo einführt, spinnt sie das Netz weiter, denn über die eine oder andere Ecke sind ihre Schicksale und Wege alle miteinander verbunden, was die Neugier auf die neuen Figuren nur steigert.

Die Bewertung

In dieses Buch musste ich mich ein wenig hineinkämpfen, da bin ich ganz ehrlich. Die unkonventionelle Schreibweise, ohne Punkte, ohne wörtliche Rede, mutet beinahe lyrisch an und so hat es einige Kapitel gebraucht, bis ich den Ton des Buchs fühlen konnte und plötzlich feststellte, wie sehr es mich in seinen Bann gezogen hat. Mich faszinieren Geschichten, in denen Figuren auf so unterschiedliche Weisen zusammengehören. Außerdem erzählt die Autorin mit viel Macht über den Kampf der Feministinnen, der Schwarzen Frauen, derjenigen Frauen, die nicht dem heteronormativen, weißen Weg folgen (können und wollen) und damit die Gesellschaft wieder und wieder herausfordern - und damit eine Geschichte schwarzer Frau (in England) nachzeichnet. Ich konnte wieder einmal viel lernen und bin dafür sehr dankbar. Viele Situationen haben mich tief getroffen, sowohl aus einem Mitgefühl heraus als auch wegen einer gewissen Schuld, die ich empfinde wegen meines so leichten Weges. Dieses Buch trägt seine Preise zurecht und sollte von so viel mehr Menschen gelesen werden. 

4 von 5 Sterne

Samstag, 20. Februar 2021

» Heimkehren ; Yaa Gyasi


"Ghana, 18. Jahrhundert: Die beiden Mädchen Effia und Esi wachsen auf, ohne zu wissen, dass sie Halbschwestern sind. Geboren von derselben Mutter, könnten ihre Lebenswege kaum unterschiedlicher sein: Effia heiratet als eine der ersten Frauen des Dorfes einen weißen Engländer, der eine Schlüsselrolle im Sklavenhandel spielt, und folgt ihm auf die Festung Cape Coast, auf der sie fortan lebt. Effia, ihre Halbschwester, wird dagegen bei einem Überfall auf das Dorf gefangen genommen und mit Tausenden anderen erst in die Verliese von Cape Coast und dann auf die Baumwollplantagen Amerikas verschifft. Und mit einer fesselnden erzählerischen Kraft folgt die Autorin Yaa Gyasi den Nachkommen beider Frauen über acht Generationen hinweg bis in die Gegenwart hinein: Von den Baumwollplantagen im Süden der USA über die Große Migration, von den Missionaren und dem Kampf gegen die Briten in Ghana, bis hin zu den Jazzclubs in Harlem entsteht ein berührendes Epos, das tief in die Geschichte der Sklaverei, der Schwarzen in Amerika, des Kolonialismus und der Befreiung eintaucht."

Die Handlung


Zwei Mädchen, deren Leben von Beginn an sehr ähnlich hätte verlaufen können - zwei Schwestern, die sich aber nie kennenlernen werden - zwei Familienstammbäume, die sich auf völlig unterschiedliche Weise entwickeln. Effia wird als junge Frau von ihrer Stiefmutter an einen reichen weißen Sklavenhändler verheiratet, während Esis Dorf von einem anderen Stamm überfallen wird und sie selbst versklavt wird. Von dort an folgt der Leser Generation über Generation von Ghana über die Baumwollplantagen im Süden Amerikas bis nach New York und sieht dabei der Geschichte beim permanenten Wandel zu, bei der Effias oder Esis Familie immer wieder auf den verschiedenen Seiten der Geschichte stehen.

Die Bewertung

In jedem einzelnen Kapitel zeichnet Yaa Gyasi spannende, menschliche Figuren, die eine Brücke schlagen zur Generation davor, was sie einem gleich noch näher bringt, und an ihrer Seite erlebt der Leser die unfassbare Geschichte der Sklaverei auf dem afrikanischen Kontinent, hinein in den Süden der USA. Es ist eine Darstellung von nicht-gehörten Schicksalen, von schwarzem Stolz und Traditionen, aber ebenso von Unterdrückung, Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Ich habe viel mitgenommen über die Geschichte von Ghana, ihre Bräuche, ihren Glauben, ihre Weltsicht. Jedes einzelne Kapitel ist so spannend und faszinierend erzählt, dass man am Ende einer Perspektive dem Weg der Figur noch viel weiter folgen möchte, während man gleichzeitig ungeduldig ist zu erfahren, welche Figur als nächstes auf einen wartet und wie ihr Weg aussehen wird. Das Buch ist in keiner Weise leichte Kost, es ist wichtig, dass diese Geschichte schonungslos erzählt wird, aber die erzählerische Kraft in den Worten von Yaa Gyasi ist immens. 

Ein besonderer Blick: Das Hörbuch

Eine Ansammlung von vielen von Deutschlands besten Hörbuchsprechern hat Der Audio Verlag für dieses Hörbuch versammelt: Bibiana Beglau, Jule Böwe, Johann von Bülow, Britta Steffenhagen, Wanja Mues, Bjarne Mädel, Götz Schubert, Rike Schmid, Judith Engel, Lisa Wagner, Stefan Kaminski, Felix Goeser, Jodie Ahlborn und Max Mauff lesen die einzelnen Kapiteln, was den Figuren noch viel mehr Leben einhaucht. 

5 von 5 Sterne

Dienstag, 12. Mai 2020

» Pandatage ; James Gould-Bourn

"Danny Maloony hat es schwer. Ein Glückspilz war er noch nie, aber seitdem seine Frau vor etwas mehr als einem Jahr bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, läuft gar nichts mehr glatt. Sein kleiner Sohn Will hat aufgehört zu sprechen, Danny verliert den Job, und als ihm auch noch sein Vermieter mit Rausschmiss droht, kauft er von seinem letzten Geld ein Pandakostüm, um als Tanzbär Geld zu verdienen. Doch tanzen kann er leider auch nicht ...
Ein Panda steht für Frieden und Freundschaft, aber so weit denkt Danny nicht. Das Kostüm ist ein Ladenhüter und billig, deshalb muss es als Verkleidung herhalten. Ein neuer Straßenkünstler ist geboren. Anfangs macht sich Danny vor allen Dingen lächerlich, aber als sich die Pole-Tänzerin Krystal seiner erbarmt und ihm Tanznachhilfe gibt, klingelt die Kasse so leidlich. Als Pandabär verkleidet beobachtet Danny eines Tages, wie sein kleiner Sohn Will von anderen Jungen schikaniert wird, und schreitet ein. Will fasst Vertrauen in den vermeintlich fremden Panda. Und er spricht."

Die Geschichte

Es ist ein Jahr her, dass Dannys Frau Liz bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Ebenfalls im Auto saß ihr gemeinsamer Sohn Will, der danach im Koma lag und seit seiner Genesung nicht mehr spricht. Will kommt mehr schlecht als recht zurecht - er ist im Rückstand mit der Miete, er dringt nicht zu seinem Sohn durch, er tut nicht viel mehr als wenig schlafen, arbeiten und sich ablenken. Als er vom neuen Chef auf der Baustelle gefeuert wird, steht Will vor einem Scherbenhaufen: Wenn er nicht in zwei Monaten die gesamte rückständige Miete (natürlich mit saftigen Zinsen), dann wird ihm sein Vermieter die Knochen brechen lassen. Tagelang streift Danny durch London, auf der Suche nach einem neuen Job, bis ihm eine (vermeintlich einfache) Lösung präsentiert wird, als er sieht, wie viel Geld die Straßenkünstler in einem Park machen.
Mit dem günstigsten Kostüm, das er bekommen kann - einem etwas müffelndem Pandakostüm - stellt sich Danny in den Park. Und stellt schnell fest, dass er eigentlich nichts kann, was einen Passanten dazu bringen könnte, ihm Geld zu geben. Er hat jedoch keine andere Wahl, als zu tanzen (was er auch nicht kann, aber ihm fällt nichts ein, was er besser könnte, oder was sich für das Panda-Kostüm eignen würde). Seine jämmerlichen Versuche bringen aber immerhin Krystal, eine Stangentänzerin, dazu, ihm zu helfen. Und dann passiert ein Wunder: Als Danny seinen Sohn, verkleidet als Panda, vor den Schulschlägern rettet, die dem nicht-sprechenden Jungen piesaken, spricht Will plötzlich.

Die Bewertung

Der Klappentext des Buchs zieht einen Vergleich zu "About A Boy", was zu den Büchern meiner Schulzeit gehört, die ich wirklich sehr mochte - und (in meiner Erinnerung) auch sehr gut filmisch umgesetzt wurde.
Für mich gibt es hier aber nicht besonders viele Parallelen, dieses Buch hat aber seinen ganz eigenen, zeitweise rührenden Charme und sehr viel Humor. 
Es gibt Figuren, die ein richtiges Klischee sind - Mark, der Schulschläger, der hinter Will her ist und ihm das Leben an der Schule zur Hölle macht, oder Reg, der Vermieter von Danny und Will, der die fehlende Miete mit einem Schläger eintreiben will. Dies wird jedoch wett gemacht durch Danny und Will, durch Mo und auch Krystal, durch die Nebenfiguren der Straßenkünstler und vor allem durch den Humor, der durch den Schreibstil transportiert wird. Danny hat einen trockenen, sehr selbstironischen Humor, der viel Spaß macht und keineswegs die Probleme, die er hat, abmildert. Die Verzweiflung, dass Will nicht mit ihm spricht, während er selbst noch so sehr darunter leidet, dass er seine Frau verloren hat, ist greifbar und erklärt die extreme Entscheidung, sich als Straßenkünstler zu versuchen. Vordergründig geht es natürlich darum, wie Vater und Sohn zueinander finden, eine Beziehung aufbauen, gemeinsam daran arbeiten, ihren Verlust zu verarbeiten. Der Nebenplot, der die Handlung antreibt, macht großen Spaß zu lesen. Ein wirklich liebenswertes Buch!

5 von 5 Punkte

Sonntag, 3. Mai 2020

» Miracle Creek ; Angie Kim

"In der Kleinstadt Miracle Creek in Virginia geht ein Sauerstofftank in Flammen auf. Zwei Menschen sterben – Kitt, die eine Familie mit fünf Kindern zurücklässt, und Henry, ein achtjähriger Junge. Im Prozess wegen Brandstiftung und Mord sitzt Henrys Mutter Elizabeth auf der Anklagebank. Und die Beweise sind erdrückend. Hat sie ihren eigenen Sohn ermordet? Während ihre Freunde, Verwandten und Bekannten gegen sie aussagen, wird klar: In Miracle Creek hat jeder etwas zu verbergen."

Die Geschichte

Elizabeth Ward ist angeklagt, einen Sauerstofftank einer Anlage für hyperbare Sauerstofftherapie (HBO) in Brand gesteckt zu haben - während eine Therapiesitzung lief, an der ihr autistischer Sohn Henry teilgenommen hat. Als die Anlage in Flammen aufgegangen ist, ist nicht nur Henry ums Leben gekommen, sondern auch Kitt, die Mutter eines der anderen teilnehmen Kinder, und weitere Personen werden schwer verletzt.
Ein Jahr nach dem Unglück startet der Prozess und sowohl Pak Yoo, der Betreiber der HBO-Anlage, als auch Matt, der als einziger erwachsener Patient teilgenommen hat, gehören zu den ersten, die aussagen. Schnell wird klar, dass die betroffenen Personen nicht nur alle noch immer auf unterschiedlichste Weise an den Geschehnissen leidern, sondern auch so einige Geheimnisse verbergen. Und wie sonst auch hatte jeder von ihnen eine ganz eigenen Blick auf das, was vor einem Jahr passierte...

Die Bewertung

Das Buch wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, von jenen Personen, die am Brand beteiligt waren: Elizabeth, Pak Yoo sowie seine Frau und Tochter oder Matt. Obwohl ich normalerweise kein großer Fan von vielen Perspektiven bin, hat es hier ganz und gar seinen Zweck erfüllt: Es hat nicht nur Puzzleteil für Puzzleteil enthüllt, was rund um den fatalen Brand geschehen ist, Angie Kim schafft es dadurch auch, dass man in den Kapiteln, ob selbst gewollt oder nicht, an die Wahrheit dessen glaubt, was die Personen erlebt haben oder Partei für sie ergreift, obwohl man möglicherweise noch wenige Seiten vorher davon überzeugt war, dass es anders ist. Seite für Seite enthüllen die Zeugenaussagen und Erinnerungen, was damals tatsächlich passiert ist - und doch bleibt bis fast zum Schluss offen, wer für den Brand wirklich verantwortlich war. 
Für mich blieben am Ende ein paar letzte Fragen offen, auch wenn mir gefallen hat, dass es nach allem, was geschehen ist, für die Figuren kein "Happy End" gibt, sondern nicht nur Strafen aus dem Rechtssystem, sondern auch Wunden, die nicht so schnell verheilen.

4,5 von 5 Punkte

Dienstag, 7. April 2020

» Postscript - Was ich dir noch sagen möchte ; Cecelia Ahern (P.S. Ich liebe dich #2)

"»Greif nach den Sternen. Einen davon wirst du bestimmt erwischen.«
Vor sieben Jahren ist Holly Kennedys geliebter Mann Gerry viel zu jung an Krebs gestorben. Er hat ihr ein wunderbares Geschenk hinterlassen: eine Reihe von Briefen, die sie durch die Trauer begleitet haben. Holly ist stolz darauf, dass sie sich inzwischen ein neues Leben aufgebaut hat. Da wird sie von einer kleinen Gruppe von Menschen angesprochen, die alle unheilbar krank sind. Inspiriert von Gerrys Geschichte, möchten sie ihren Lieben ebenfalls Botschaften hinterlassen.
Holly will nicht in die Vergangenheit zurückgezogen werden. Doch als sie beginnt, den Mitgliedern des »P.S. Ich liebe Dich«-Clubs zu helfen, wird klar: Jeder von uns kann seinen ganz eigenen Lebenssinn finden. Und die Liebe weitertragen. Wenn wir uns nur auf die Frage einlassen: Was will ich heute noch sagen und tun, falls ich morgen nicht mehr da bin?"

Die Geschichte

Sieben Jahre, nachdem Gerry gestorben und seiner Frau Holly eine Reihe von Briefen von ihm bekommen hat, hat sie ihr Leben wieder sortiert und steht auf festen Füßen: In einer neuen Beziehung, in einem Job, der ihr Freude macht. Der Stein kommt ins Rollen, als sie ihrer Schwester
Ciara ein Podcast-Interview über die Briefe gibt: Fünf kranke Menschen gründen, gerührt und inspiriert von der Geschichte, einen "P.S. Ich liebe dich"-Club und bitten Holly um ihre Hilfe, die Abschieds-Botschaften an ihre Familien zu entwerfen.
Hollys erste Reaktion ist Ablehnung: Sie spürt, wie die Schmerzen ihrer Vergangenheit die Finger nach ihr ausstrecken. Auch ihre Familie und Freunde sind stark geteilter Meinung, ob dieses, wenn auch schöne Projekt, ihr gut tun würde.
Doch mit jedem Moment, den sie mit den Mitgliedern des Clubs verbringt und ihre Geschichten hört, wird Holly klarer, dass sie hier helfen kann, vielleicht sogar helfen muss, und dass es einiges gibt, das Jahre nach dem letzten Brief noch ungesagt ist.

Die Bewertung

Heutzutage ist man ein bisschen skeptisch, wenn eine Fortsetzung veröffentlicht wird zu etwas, das nicht nur in sich abgeschlossen war, sondern auch, so wie es ist, ziemlich perfekt. Es ist lange, lange her, dass ich "P.S. Ich liebe dich" gelesen habe, aber ich weiß noch, dass es eines der Bücher gewesen ist, das den Hype durchaus irgendwie verdiente - eine herzerwärmende, schmerzhaft-schöne Geschichte über Liebe und Abschiede, Tod und Weiterleben - und natürlich ein Buch, das so (!) viel besser ist als der Film.
Cecelia Ahern greift die Fäden von Hollys Leben sieben Jahre nach dem Tod von Gerry wieder auf. Das Buch erzählt jedoch eine eigene Geschichte, in der natürlich lieb gewonnene und bekannte Figuren aus "P.S. Ich liebe dich" vorkommen, aber eben nicht an jeder Stelle eine Brücke geschlagen oder nacherzählt wird. Vor allem begleiten wir Holly eben auf ihrem Weg, in dem sie, Jahre nach dem letzten Brief von Gerry, mental wieder in diese Zeit zurückgezogen wird, und dem Spagat zwischen Gegenwart, möglicher Zukunft und Vergangenheit. Das Buch berührt, ohne kitschig zu sein, und wischt jegliche Bedenken über die Frage "Muss eine Fortsetzung sein?" weg - es ist nur irgendwie eine Fortsetzung, vor allem aber bettet es Fragen in ein bekanntes Setting, die man sich wohl nicht oft stellt.

4,5 von 5 Punkten

Dienstag, 17. März 2020

» Crazy Rich Asians ; Kevin Kwan (Crazy Rich #1)

"Rachel ist überglücklich: Ihr Freund Nick möchte sie endlich seiner Familie in Singapur vorstellen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft in Asiens schillerndster Stadt wird Rachel klar, dass Nick aus der obersten Schicht der Superreichen stammt, einem geschlossenen Kreis, der unermessliche Reichtümer besitzt. Plötzlich sieht sie sich konfrontiert mit schrillen Verwandten, glamourösen Nebenbuhlerinnen und Privatjets mit ayurvedischen Yogastudios. Welchen Wert hat Liebe in dieser maßlosen Welt?"



Die Geschichte

In New York wird Rachel von ihrem Freund Nick eingeladen, den Sommer mit ihm in Asien zu verbringen, zuerst bei der Hochzeit seines besten Freundes in Singapur und im Anschluss mit einer Rundreise. Voller Vorfreude willigt sie ein, seine Heimat mit ihm zu bereisen.
Die Nachricht von Nicks Heimkehr in Begleitung macht innerhalb des elitären Kreises der Singapurer Superreichen in Windeseile die Runde. Was Rachel nicht weiß: Nicks Familie gehört zur höchsten Klasse, der Reichtum ist nicht in Worte zu fassen. Weshalb es Nicks Mutter Eleanor überhaupt nicht in den Kram passt, dass Nicks Besuch bei ihren Freundinnen den Eindruck erweckt, als würde er diese Rachel Chu, die nicht einmal zu den reichen Plastik-Chus aus Taipeh gehört, heiraten wollen.
Rachel trifft in Singapur zunächst auf ihr freundlich gesinnte Freunde von Nick: den Bräutigam Colin, dessen Verlobte Araminta, Nicks Cousine Astrid. Dass Araminta ein Supermodel ist und Colin der begehrteste Junggeselle der Insel, dass andere gut betuchte Asiaten für eine Einladung zu dieser Hochzeit alles tun würden, ahnt Rachel zunächst nicht. Und so nehmen die Intrigen vonseiten Nicks Mutter ihren Lauf...

Die Bewertung

Kevin Kwans Buch eröffnet mit viel Wortwitz und beißender Ironie einen faszinierenden Blick in die Welt der Asiaten, die so reich sind, dass die reichsten Europäer arm dagegen wirken mögen. Es wird mit Designer-Namen und Luxusgütern um sich geworfen, die einen schwindelig machen, und gleichzeitig hinterfragt man beinahe gar nicht, wie verrückt diese Welt eigentlich ist.
Wie nebenher nimmt man jedoch auch so einiges der asiatischen Kultur aus. In diversen Fußnoten werden nicht übersetzte Redewendungen, Speisen und Getränke und vieles andere erklärt und im Tone des Autors bewertet - es macht einfach wahnsinnig viel Spaß, sie zu lesen.
Die Geschichte an sich ist nicht neu: Der reiche Sohn verliebt sich in ein ganz normales Mädchen, die versnobte Familie ist dagegen und versucht, eine mögliche Hochzeit zu verhindern. Das eingebettet in dieses Setting ist jedoch neu und spannend und macht Spaß zu lesen. Neben Nick und Rachel wartet Kevin Kwan mit spannenden Nebencharakteren wie Nicks Cousine Astrid auf, die ein ganz besonderes Leben führt, das weit weg von dem ist, was man als Leser selbst kennt, mit der man jedoch sofort sympathisiert.

Ich bin mehr als gespannt, die Verfilmung zu schauen und freue mich auch schon sehr auf Band 2 und 3 der Trilogie!


5 von 5 Punkte

Dienstag, 10. Oktober 2017

» Die flammende Welt ; Genevieve Cogman (Die unsichtbare Bibliothek #3)


"Irene und ihr Assistent Kai sind Agenten der unsichtbaren Bibliothek, in der es Zugänge zu den unterschiedlichsten Welten - und damit auch zu den seltensten Büchern - gibt. Ihr neuester Fall führt sie in ein alternatives Frankreich zu Revolutionszeiten. Ein gefährlicher Ort, um Bücher zu stehlen. Besonders, wenn plötzlich der magische Rückweg in die Bibliothek versperrt ist. Was erst wie ein Zufall erscheint, stellt sich als heimtückischer Angriff heraus. Ein Angriff, der die ganze Bibliothek zerstören könnte..."

Die Geschichte

Nach den Ereignissen in Venedig, als Irene auf eigene Faust handelte, um ihren Lehrling Kai aus den Fängen der Elfen zu befreien (und damit eindeutige Anweisungen ihrer Vorgesetzten umging), müssen die beiden in der letzten Zeit nahezu immer die schlimmen Aufträge ausführen: Jene, die gefährlich, schmutzig und unangenehm: Sie ist auf Bewährung.
Auf einem dieser Aufträge ist es den beiden plötzlich unmöglich, das Tor zurück in die Bibliothek zu nutzen, da es vor ihren Augen in Flammen aufgeht. Zum Glück ist Kai jedoch ein Drache, der sie in seiner wahren Gestalt mit seiner Art der Magie in die Welt zurückbringen kann, in der sie derzeit heimisch sind. Nachdem sie das gestohlene Buch zurück in die Bibliothek gebracht haben, wo Irene ihrer Vorgesetzten auch gleich von dem beunruhigenden Vorfall berichtet hat, passiert ein weiteres Ereignis, das alle Alarmglocken zum Schrillen bringt: Ein Attentat auf Irene wurde verübt, denn in ihrer Wohnung sind eine Unzahl von höchst giftigen Schlangen ausgesetzt worden.
Kurz darauf stellt sich heraus, dass diese Geschehnisse keine Zufälle sind und vielleicht in einem größeren Zusammenhang stehen, als gedacht: Jemand greift die Bibliothek an und es herrscht kein Zweifel, dass dies nur Alberich sein kann.
Das letzte Aufeinandertreffen mit dem abtrünnigen Bibliothekar hat Irene nur haarscharf überlebt und auch jetzt nimmt er wieder direkten Kontakt zu ihr auf. Für Irene ist klar: Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, ihn zu stoppen, dann wird sie dies tun. Ihre ganze Welt steht auf dem Spiel. Dafür nimmt sie gemeinsam mit Kai und ihrem Freund Peregrine Vale sowie dessen Vertrauten Inspektor Singh in ihrem London die Spur einer Elfe auf, die möglicherweise mehr weiß...

Die Bewertung

In bereits bekannter (und geliebter) Manier schreibt Genevieve Cogman eine weitere faszinierende Geschichte in dem von ihr geschaffenen Universum, das jeden Fantasy-Fan entzücken muss durch den Einfallsreichtum und die Andersartigkeit.
Auch dieser Teil beschreibt nicht die klassische Arbeit von Irene, die wir im Auftaktband erleben durften, denn der große Feind Alberich hat zum Angriff aufgerufen und droht nicht weniger als die Bibliothek für immer zu zerstören. Irene ist eine Heldin, die eigentlich keine ist, weil sie normal ist. Und dennoch ist jemand wie sie in der Lage, den großen Bösen in die Quere zu kommen. Mit Unterstützern und Helfenden sowohl aus den Reihen der Menschen, Drachen und Elfen gerät der Leser mit Irene in ein neues fantastisches Abenteuer. Das wirklich beeindruckende: In sich gleicht sich kein Band der Reihe, sie sind alle vom Plot her völlig anders und aufs Neue beeindruckend.

5 von 5 Punkten!
 


Dienstag, 19. September 2017

» Die maskierte Stadt ; Genevieve Cogman (Die unsichtbare Bibliothek #2)

Der Nachfolgeband zu » Die unsichtbare Bibliothek.

"Irene Winters ist Agentin der unsichtbaren Bibliothek, die jenseits von Raum und Zeit als Tor zwischen den Welten existiert. Ihr Job ist es, einzigartige, ungewöhnliche oder rare Bücher für diese Bibliothek zu beschaffen. Sie hat gerade auf einer zwielichtigen Auktion einen seltenen Bram-Stoker-Text erworben, als sie und ihr Assistent Kai überfallen werden. Zu spät erkennt Irene, dass es nicht um das Buch, sondern um Kai geht. Er wird entführt, ohne dass Irene es verhindern kann. Die Spur der Verbrecher führt in ein dunkles Venedig des immerwährenden Karnevals. Ein Ort der Masken und Geheimnisse. Und des Todes ..."

Die Geschichte

Irene ist nun die ortsansässige Bibliothekarin in dem London, indem sie vor wenigen Monaten den Verräter Alberich bekämpfen konnte. Gemeinsam mit ihrem Schützling Kai wird sie jedoch angegriffen, nachdem sie auf einer Auktion ein seltenes Buch erwerben konnte. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, schließlich bringt der Job als Bibliothekar für die unsichtbare Bibliothek oft Gefahren mit sich. Dennoch beschließt Irene, kein Risiko einzugehen und bringt das Buch umgehend in Sicherheit, während Kai zu ihrem Freund, dem Detektiven Peregrine Vale, geschickt wird.
Als Irene jedoch zurückkehrt, ist Kai verschwunden. Schnell finden sie und Vale heraus, dass eine Entführung dahinter steckt - offenbar von einem Elfen-Paar, die ihn in eine andere Welt gebracht haben. Da es sich bei Kai um den Sohn des Drachenkönigs handelt, ist es keine einfache Entführung - die schon schlimm genug wäre, immerhin stand Kai unter Irenes Schutz - sondern ein politischer Schachzug. Auch wenn die Drachen auf Irenes Seite stehen, muss sie mit dem Elfenzug in das chaotische Venedig reisen, in dem Kai gefangen gehalten wird - in einer für ihn giftigen Umgebung, in der sie nicht einmal 24 Stunden Zeit hat, ihn zu finden und zu befreien...

Die Bewertung

Im zweiten Teil der Reihe um die unsichtbare Bibliothek löst sich die Handlung von dieser und der Leser wird mit Irene in den Machtkampf zwischen Elfen und Drachen, zwischen Chaos und Ordnung hineingezogen. Irene muss auf eigene Faust inmitten einer vom Chaos verseuchten Welt versuchen, Kai zu retten, ohne auf Unterstützung hoffen zu können. In diesem zweiten Teil überzeugt Genevieve Cogman mit deutlich mehr Action und einer Vielzahl interessanten Figuren, denn die Elfen sind charakterlich völlig anders als Menschen.
Daneben ist es wiederum die sprachliche Gewandtheit, die jede Zeile des Buchs einfach klug und vielschichtig erscheinen lässt: Ein Lesegenuss - aber ist das ein Wunder in einer Buchreihe, die den Wert von Büchern so schätzt?
So ist auch Teil 2 eine absolute Empfehlung für Fantasy-Liebhaber, die mal etwas ganz anderes lesen wollen.

5 von 5 Punkten! 
 

Mittwoch, 6. September 2017

» Wenn Schmetterlinge Loopings fliegen ; Petra Hülsmann

"Da hat Karo sich jahrelang abgerackert, um ihr Abi nachzuholen und zu studieren, und wozu das Ganze? Statt endlich die große Karriere zu starten, ergattert sie beim Fußball-Bundesligisten
Eintracht Hamburg lediglich einen Job als Anstandswauwau des Star-Spielers Patrick Weidinger, der in letzter Zeit mehr Energie ins Nachtleben als ins Training steckt. Um sich im Verein zu beweisen, muss Karo einen Zugang zu Patrick finden. Dabei darf sie zwei Dinge nicht aus den Augen verlieren: ihr Ziel - und ihr Herz."

Die Geschichte

Karoline Maus hat es geschafft - endlich hält sie ihre Bachelor-Urkunde in den Händen. Damit kann ihr neues Leben beginnen: Von Bochum zieht sie nur kurz darauf nach Hamburg, wo sie eine Stelle bei einem Unternehmensberater bekommen hat, wohnen wird sie in der WG ihrer besten Freundin. Doch dann der Schock: Der Unternehmensberater hat das Gesetz hintergangen, als sie an ihrem ersten Tag dort erscheint, findet sie nur die Polizei vor. So geht es für Karo wieder ans Bewerbungen schreiben, denn nach Hause zurückkehren möchte sie nicht.
Schließlich bekommt sie einem Job beim Fußball Bundesligisten Eintracht Hamburg einen Job - der sich dann allerdings nur als Fahrdienst und Aufpasser für einen Profi herausstellt, der aktuell aus der Reihe tanzt. Außerdem wird sie allen anderen Angestellten des Vereins als Praktikantin vorgestellt! Wäre da nicht der äußerst niedrige Stand ihres Kontos, hätte Karo sofort abgesagt. Leider hilft es überhaupt nicht, dass Patrick Weidinger, ihr "Schützling", sich ihr gegenüber ausgesprochen unfreundlich verhält und sie während der Trainingszeiten mit Aufgaben wie der Fanpost betraut wird.
Aber Karo ist kein Mensch, der aufgibt: Auch dieser Job kann ein Sprungbrett sein und so arbeitet sich Karo mit Fleiß in die neue Welt ein und schafft es sogar, Patrick Weidinger menschlicher werden zu lassen...

Die Bewertung

Schon das Buchcover samt dem Titel sehen nach "Chick Lit" aus: Wohlfühlliteratur, Sie findet ihn / Er findet sie, ein bisschen Herzschmerz und am Ende ein Happy End.
Natürlich ist Petra Hülsmanns Roman streng genommen diese "Chick Lit", aber hier gibt es eben noch mehr: Wirklich tolle Charaktere, ein flüssiger, humorvoller und angenehmer Schreibstil und kein übertriebenes Drama, keine an den Haaren herbei gezogenen Hindernisse, und das alles in einem realistischen, angenehmen Setting (trotz eines erfundenen Fußballvereins), in dem auch Nebencharaktere zu echten Figuren werden und nicht nur schmückendes Beiwerk, das in den richtigen Momenten die Handlung voranbringt, sondern ihre eigenen Geschichten erzählen. Damit gibt es eine eindeutige Entscheidung:

5 von 5 Punkte

Mittwoch, 30. August 2017

» Der Schatten des Windes ; Carlos Ruiz Zafón

"Daniel Semperes Leben im grauen Barcelona der Nachkriegszeit erfährt eine drastische Wende, als er die Schicksalsbahn eines geheimnisvollen Buches kreuzt. Er gerät in ein Labyrinth abenteuerlich verknüpfter Lebensläufe, und es ist, als wiederhole sich vergangene Geschichte in seinem eigenen Leben. Die Menschen, denen er bei seiner Suche nach dem verschollenen Autor begegnet, die Frauen, in die er sich verliebt - sie alle scheinen Figuren in einem grossen Spiel, dessen Fäden erst ganz am Schluss sichtbar werden."

Die Geschichte

1945 wird Daniel Sempere von seinem Vater zum Friedhof der vergessenen Bücher geführt, nachdem er nachts aufwachte und das Gesicht seiner verstorbenen Mutter vergessen hatte. An diesem seltsamen Ort entdeckt Daniel das Buch "Der Schatten des Windes" des Autors Julián Carax, das den 10-jährigen sogleich fesselt und nicht mehr loslässt. Doch es ist nicht einfach nur ein Buch. Daniel, der in einer Buchhandlung lebt und aufgewachsen ist, will mehr von diesem unbekannten Autoren lesen und gerät so in den Strudel der Geschehnisse rund um die verlorenen Bücher des Julián Carax - und mitten hinein in die Gefahr. Wer war dieser Autor? Wer ist die Person, die überall in Buchhandlungen und Bibliotheken einbricht, um die letzten Exemplare der Geschichten in Brand zu setzen und zu vernichten?
Daniels Suche erstreckt sich über Jahre, und manchmal durch Zufall, schließlich jedoch durch gezielte Recherche kommt er Stückchen für Stückchen hinter das große Geheimnis um Julián Carax. Doch im Nachkriegs-Spanien ist nie sicher, wem der junge Mann vertrauen kann.

Die Bewertung

Es ist das erste Buch von Carlos Ruiz Zafón, das ich gelesen habe, und schon während der ersten Seiten fragte ich mich, wie es dazu kommen konnte, dass ich so lange gewartet habe. Das Schlimmste: Halb hatte ich vor, das Buch ungelesen zurück in die Bücherei zu geben - was wäre das für eine Schande gewesen!
Carlos Ruiz Zafóns Schreibstil fesselt von der ersten Seite hinweg in bildgewaltiger, metaphorischer, kluger und ironischer Sprache. Auch wenn ich zuerst nicht richtig wusste, aus welchem Genre das Buch eigentlich stammt, fiel es schwer, es aus der Hand zu legen. Normalerweise habe ich eine instinktive und eigentlich nicht zu erklärende Scheu vor Büchern mit geschichtlichem Hintergrund, aber man muss sich mit der spanischen Geschichte nicht gut auskennen, um mitgerissen zu werden - sie bettet die Geschichte einfach nur ein.
Aus der Perspektive von Daniel Sempere verfolgt der Leser von 1945 an über elf Jahre den Weg des Jungen zur Wahrheit - er kommt von Julián Carax und dem Rätsel um ihn nicht los, wird dabei erwachsen und entwickelt sich. Hinter der Geschichte von Daniel wird die tragische Geschichte von Julián Carax selbst erzählt, bis am Ende des Buchs beinahe alles offenbart ist, und man als Leser mit diesem Gefühl der Zufriedenheit und gleichzeitigen Leere zurückbleibt, wenn ein Meisterwerk zu Ende gelesen wurde. Die Figuren rund um Daniel auf seiner Suche sind wunderbar beschrieben und herausgearbeitet, sie haben Charakter und Einzigartigkeit. Mit am schönsten ist die Sprache Zafóns, sie fesselt einen ebenso sehr wie Daniel Sempere vom Roman im Roman gefesselt wurde. Fein gewoben hat der Autor das Mysterium und bis zum Ende wird der Leser überrascht, was einfach eine Kunst ist. Höchster Lesegenuss und daher

mindestens 5 von 5 Punkten!

Montag, 31. Juli 2017

» Die Widerspenstigkeit des Glücks ; Gabrielle Zevin

"Amelia ist Verlagsvertreterin und lernt dabei die eigenwilligsten Buchhändler kennen. Genau so einer ist A. J. Fikry. In seinem Herzen haben nur turmhohe Bücherstapel Platz. Bis er einen ungebetenen Gast entdeckt: Eines Morgens sitzt die zweijährige Waise Maya in der Kinderbuchecke seiner Buchhandlung. Gegen seinen Willen nimmt sich A. J. des kleinen Mädchens an, das sein Leben kurzerhand auf den Kopf stellt. Und auch Amelia wird er nicht so schnell vergessen können…"


Die Geschichte

Auf Alice Island lebt A.J. Fikry nach dem Tod seiner Frau allein über seiner Buchhandlung: Ein zynischer Mensch, der keinen Anschluss an die Bewohner der Insel sucht: Er verbringt seine Tage in der Buchhandlung, ernährt sich von Fertig-Tiefkühlgerichten und trinkt danach regelmäßig genug, um einfach besinnungslos umzukippen. Verwunden hat er den Tod seiner Frau nicht.
Dann geschieht etwas, das sein einsames Leben gehörig auf den Kopf stellt: Kurz nachdem der "Tamerlane", eine extrem wertvolle seltene Ausgabe mit frühen Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe, gestohlen wird, wird ein zweijähriges Kind in seiner Buchhandlung ausgesetzt: Maya, um die er sich bitte kümmern soll. Gegen seinen Willen behält A.J. die Kleine über das Wochenende bei sich, bis feststeht, dass sich die Mutter des Kindes umgebracht hat. Zur Überraschung der ganzen Insel behält A.J. Maya danach jedoch bei sich: Sie hat sein Herz auf eigentümliche Weise berührt und erwärmt.
Dieses eine Ereignis stellt A.J.s Leben völlig auf den Kopf: Auf einmal findet er Anschluss auf der Insel, immerhin will er nicht, dass Maya isoliert aufwächst. Und die Verlagsvertreterin Amelia, die er beim ersten Kennenlernen (vor Maya) noch schroff behandelt hat, schleicht sich in sein Herz...

Die Bewertung

"Die Widerspenstigkeit des Glücks" von Gabrielle Zevin ist eines dieser Bücher, bei dem sich die Hauptfiguren klammheimlich in das Herz schleichen. Sie sind so anders und echt, dass man gar nicht anders kann, als sie zu lieben.
Außerdem ist dies das Buch für Bücherliebhaber, denn neben der Geschichte von einem kauzigen Buchhändler (oh, wie gerne würde ich dort arbeiten!) gibt es zwischen jedem Kapitel eine kleine Buchzusammenfassung, die A.J. für Maya schreibt. Was gibt es eigentlich Schöneres als Bücher über Bücher und Bücherliebhaber?
Mit Maya verändert sich das Leben des Eigenbrötlers und es ist eine Freude zu lesen, wie A.J. sich entwickelt und wie aus einer Geschichte über eine plötzliche Familie eine Liebesgeschichte wird. Vermutlich wird dieses Buch ein Geheimtipp bleiben, aber für mich ist es eines der besten Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Eine wahre Freude!

5 von 5 Punkten!

» Ich bin Paul ; Patrick Hinz

"„Willst du mich heiraten?“ Auf diese Frage gibt es nur eine richtige Antwort – und „Ich liebe dich nicht mehr“ ist es eindeutig nicht! Also verläuft Pauls Abend deutlich anders, als geplant: Statt selig mit Louise zu kuscheln, sitzt er auf einer Parkbank und grübelt. Wie konnte es soweit kommen? Paul denkt an den kleinen, dicken Jungen, der er einmal war. Daran, wie er zu dem Mann wurde, der er heute ist. Und natürlich fragt er sich auch, was nun werden soll. Nur eins ist klar: Aufgeben gilt nicht! Also beschließt Paul, für sein Glück zu kämpfen – doch das stellt sein Leben erst recht auf den Kopf!"

Die Geschichte

Es sollte der schönste Abend werden: Der Abend, an dem Paul seiner Louise einen Heiratsantrag bei ihrem Lieblings-Italiener macht. Er fällt aus allen Wolken, als sie Nein sagt: Sie liebt ihn nicht mehr. Es gibt einen anderen.
So sitzt Paul schließlich im dunklen, kalten Park auf einer Bank und fängt an darüber nachzudenken, wie es nur so weit kommen konnte. Er denkt zurück an den Erwachsenen im Körper eines kleinen, pummeligen Jungen, der es schwer in den ersten Jahren seiner Schulzeit hatte: Ein wortgewandter Streber, der nicht so recht Anschluss finden konnte, wenn man von dem Jungen im Rollstuhl absah, mit dem auch niemand befreundet sein wollte. Er denkt an seine Familie zurück und verliert sich in Erinnerungen, während er die Frage verdrängt, was nun - ohne Louise - eigentlich werden soll. Wie wurde der kleine dicke Paul zu dem Paul heute - und was muss der Paul heute tun, damit es jetzt auch weitergeht?

Die Bewertung

Am besten an diesem Buch hat mir die Erzählweise aus Pauls Perspektive gefallen: Wortgewandt, witzig, anders. Auf zwei Ebenen wird die Geschichte erzählt: Im Jetzt, wie Pauls Heiratsantrag abgelehnt wird und was daraufhin passiert, und in der Vergangenheit, in der Paul von seiner Einschulung an Revue passieren lässt, was die wichtigen Stationen im Erwachsen werden waren. Nach und nach lernt der Leser Paul kennen und verstehen und sieht dabei zeitgleich, wie aus all dem der heutige Paul wurde.
Einen Punkt Abzug gibt es dabei für den leicht widersprüchlichen Charakter von Paul, oder einige seiner Sichtweisen. Denn obwohl er stets behauptet, anders zu sein, dreht er sich doch in allem, was er tut, egozentrisch um sich selbst - obwohl er dies in einer gewissen Arroganz anderen vorwirft. Das konnte ich nicht gut leiden, auch wenn der Schreibstil und die Kunst, eine Geschichte über einen so kurzen Zeitraum zu erzählen, doch für weitere Punkte sorgt. Es ist ein schönes Buch für Nebenher; und der Schreibstil überzeugt definitiv.

4 von 5 Punkten.

Donnerstag, 27. Juli 2017

» Die Eismacher ; Ernest van der Kwast

"Wenn Liebe auf der Zunge zergeht. 
Im Norden Italiens, inmitten der malerischen Dolomiten, liegt das Tal der Eismacher, in dem sich die Einwohner auf die Herstellung von Speiseeis spezialisiert haben. Giuseppe Talamini behauptet gar, die Eiscreme wurde hier erfunden. Und er muss es wissen, schließlich haben sich die Talaminis seit fünf Generationen dieser Handwerkskunst verschrieben. Jedes Jahr im Frühling siedeln sie nach Rotterdam über, wo sie während der Sommermonate ein kleines Eiscafé betreiben. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: zartschmelzendes Grappasorbet, sanftgrünes Pistazieneis, zimtfarbene Schokolade. Dennoch beschließt der ältere Sohn Giovanni, mit der Familientradition zu brechen, um sein Leben der Literatur zu widmen. Denn er liebt das Lesen so sehr wie das Eis. Bis ihn eines Tages sein Bruder aufsucht: Luca, der das Eiscafé übernommen hat, ist inzwischen mit Sophia verheiratet, in die beide Brüder einst unsterblich verliebt waren. Und er hat eine ungewöhnliche Bitte …"

Die Geschichte

Giovanni ist ein leidenschaftlicher Liebhaber der Poesie und hat es zum Leiter des Rotterdamer Literaturfestivals geschafft. Eine Leistung, auf die andere Familien vielleicht stolz wären, wäre Giovanni Talamini nicht der Sohn eines Eismachers - und vorgesehen gewesen, die Eisdiele zu übernehmen. Die Familie Talamini ist eine der vielen italienischen Familien, die jeden Sommer in den Niederlanden verbringen und Eis verkaufen. Der Winter ist ihr Sommer, wenn sie sich von den langen Monaten in der Eisdiele erholen.
Giovannis jüngerer Bruder Luca musste nach Giovannis Entscheidung, studieren zu gehen, allein die Eisdiele übernehmen, während auch seine Eltern weiter dort schuften. Luca spricht seitdem kein Wort mehr mit seinem Bruder, der allerdings sowieso durch die Welt reist und ein ganz anderes Leben führt als seine Familie. 
Dann kommt sein Bruder jedoch mit einer Bitte auf ihn zu: Seine Frau Sophia kann keine Kinder von ihm bekommen. Bringt dieser Wunsch Giovanni seiner Familie wieder näher?

Die Bewertung

Ich könnte wahnsinnig viel über dieses Buch schreiben. Vordergründig ist es Giovannis Geschichte: Wie er sich von seiner Familie entfernte und wie sie vielleicht wieder zusammenfinden mögen. Eine Geschichte von italienischen Sturköpfen und Traditionen, die einen Beruf (oder eine Berufung?) beleuchtet, die so nah von uns passiert und uns doch so fremd ist. 
Es ist aber mehr, denn Giovanni erzählt neben seiner Geschichte auch die seines Vorfahrs Giuseppe, der einst die Kunst der Eiscreme in sein italienisches Dorf brachte, als man noch jeden Morgen auf den Berg steigen musste, um Eis zu sammeln, um damit Eiscreme herzustellen. Es ist eine ungewöhnliche, berührende Familiengeschichte mit einem Schreibstil, der frischen Wind hereinwehte und Anekdoten aneinander reiht, bis sie eine Geschichte ergeben: Das Buch beginnt mit Betty Heidler, der ehemaligen Weltrekordhalterin aus Deutschland, einer Hammerwerferin, und den Wirbel, den sie in die Familie Talamini bringt. 
"Die Eismacher" ist ungewöhnliche, aber wunderschöne Lektüre und unbedingt zu empfehlen - auch wenn man Gefahr läuft, unbedingt den ein oder anderen Eisbecher zu essen...

5 von 5 Punkten!

Samstag, 24. Juni 2017

» Drei mal wir ; Laura Barnett

"Eva und Jim sind neunzehn und Studenten in Cambridge, als ihre Wege sich 1958 zum ersten Mal kreuzen. Eine Fahrradpanne führt die beiden zusammen. Was dann passiert, wird den Rest ihres Lebens bestimmen. Wir folgen drei unterschiedlichen Versionen ihrer Zukunft, zusammen und getrennt. Sehen Eva dabei zu, wie sie eine berühmte Schriftstellerin wird. Und Jim, wie er für die Kunst seinen Beruf als Anwalt hinter sich lässt. Wir sehen Partner kommen und gehen, reisen mit ihnen nach London, New York und Los Angeles. In all den Jahren nimmt ihre Liebe immer wieder ungeahnte Wege, von den ersten drei Treffen bis hin zum Finale: Drei Liebesgeschichten, ein Paar."

Die Geschichte

Es beginnt in Cambridge mit einer Fahrradpanne. Eva ist es, die diese Panne erleidet, und Jim, der zufällig vorbei kommt, möchte helfen.
Ab hier folgen wir den beiden auf drei unterschiedlichen Wegen durch ihr Leben: Eva, die für Jim ihren Freund verlässt, die ihn ermutigt, das Jurastudium für die Kunst hinter sich zu lassen, die zu schreiben beginnt. 
Aber auch Eva, die Jim kaum eines weiteren Blickes würdigt und wenig später ihren Freund David heiratet, den es auf die Bühnen der Welt zieht - ein Leben, das sie auch nach New York ziehen lässt, während Jim, dessen Leben von Eva nicht berührt wurde, Anwalt wird und schließlich seine Mutter pflegen muss.
Und wir folgen Eva und Jim, die eine kurze, glückliche Zeit miteinander verleben, bevor eine Schwangerschaft von ihrem ehemaligen Freund David Eva dazu zwingt, Jim zu verlassen und David zu heiraten - damit Jim seine Zukunft nicht für ein Kind opfern muss, das nicht seines ist.
Von hier an folgt die Geschichte den drei Versionen von Eva und Jim, eines Paares, das für den Leser unweigerlich zusammengehören muss - auf den Wegen durch London, Paris, New York, Bristol, Rom und vorbei an Bekannten, Freunden und Familien, die immer wieder auftauchen...


Die Bewertung

Es ist beinahe ein Epos, diese Geschichte von Eva und Jim. Eigentlich ist es ganz simpel: Eva und Jim gehören zusammen, irgendwie. Mit großer Kunst führt die Autorin durch die drei Lebenswege der Protagonisten, besonders faszinieren dabei die vielen Ereignisse, die in jeder Version vorkommen, als hätte das Schicksal einen Rahmen vorgegeben, in dessen weiten Möglichkeiten wir uns bewegen. Die Geschichte führt den Leser zudem durch das gesamte Leben der beiden und zeigt die vielen, vielen Möglichkeiten auf, die nur eine einzige Entscheidung ausmachen können. Es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen, auch wenn man bei jedem Wechsel zwischen den drei Teilen kurz rekapitulieren muss, an welcher Stelle sich nun Eva und an welcher Stelle sich Jim befindet. Dann ist man wieder mitten drin, folgt ihnen und ihren Partnern, Kindern und Freunden und all den Fixpunkten über die Versionen hinweg.
Nebenher wird man vom Jahr 1958 in die Gegenwart geführt, erlebt mit, wie sich die Zeiten ändern, erlebt verschiedenste Charaktere und wie sie das Leben beeinflussen können, nie, ohne dass man sich selbst fragt, was eine kleine Entscheidung wohl alles ausmachen mag und wie viele Versionen von einem selbst es hätte geben können. Denn eines ist klar: Es gibt viele Wege, aber eigentlich gibt es nur ein Ziel, Eva und Jim bleiben sich treu, auch wenn es in der einen Version viel mehr Umwege geben mag als in der anderen.
Laura Barnetts Debüt war im Sommer 2015 ein Hochgenuss, und jetzt war es für mich ein Ausflug in eine ausgetüftelte Geschichte voller Facetten und Überraschungen, noch dazu mitreißend geschrieben.

5 von 5 Punkten.

Dienstag, 30. Mai 2017

» Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt ; Mhairi McFarlane

"Wenn der Bräutigam dich küsst, aber du nicht die Braut bist.
Nach wochenlangen Flirts kommt es zwischen Edie und ihrem Kollegen Jack zu einem Kuss. Dummerweise befinden sich die beiden da gerade auf Jacks Hochzeit und werden zu allem Überfluss auch noch von Charlotte, der frischgebackenen Ehefrau, erwischt. Kurz nach diesem Fehltritt bricht ein fieser Shitstorm über Edie herein. Während Jack den reuigen Ehemann gibt, wird sie zum Sündenbock gemacht. In ihrer Not flieht Edie in ihre Heimatstadt Nottingham. Aber die Gerüchte, Edie habe eine Affäre mit Jack gehabt, reißen nicht ab. Doch zum Glück hat Edie Freunde, die zu ihr halten. Und dann ist da auch Elliot, der ihr zwar gehörig auf die Nerven geht, aber das Herz doch am rechten Fleck hat..."

Die Geschichte

Eine Hochzeit ändert für Edie über Nacht alles: Obwohl sie vorher schon wusste, dass es vielleicht keine gute Idee ist, zur Hochzeit ihrer Kollegen Jack und Charlotte zu gehen, weil sie Gefühle für den Bräutigam hat, wollte sie dennoch eine gute Freundin sein. Nachdem die Braut sie jedoch dabei erwischt hat, wie sie vom betrunkenen Bräutigam geküsst wurde, bricht dank der Brautjungfer ein Shitstorm über Edie los, der sie schließlich dazu zwingt, in ihre Heimat Nottingham zurückzukehren - dankenswerterweise bekommt sie von ihrem Chef den Auftrag, die Autobiografie eines Schauspielers zu schreiben. Leider ist dieser auf den ersten Blick auch nicht gerade sympathisch, sodass Edies Rückkehr in die Heimat noch erschwert wird - denn auch mit ihrer Familie ist nicht gerade alles eitel Sonnenschein.
Doch trotz allem ist Edie nicht allein und so bekommt die verunsicherte Edie einige Unterstützung dabei, wieder auf die Füße zu kommen.


Die Bewertung

Mhairi McFarlanes Schreibstil ist bekanntermaßen toll: Flüssig, witzig, wendungsreich, lebendig. Ihre Geschichten sind selten so, wie sie auf den ersten Blick wirken, sodass ihre Bücher sich nie danach anfühlen, als wären sie nur nach Schema F geschrieben worden.
Der Charakter Edie durchlebt etwas, das einen in der heutigen Zeit mächtig zum Nachdenken bringt: Sie ist es gewohnt, in den sozialen Netzwerken zu leben - und dann ist es ein Fehler, der ihr die Schwachstellen dieses Systems aufzeigt, als plötzlich Gruppen auf Facebook eröffnet werden, in denen fremde Personen öffentlich über sie herziehen.
Bei all diesen Problemen darf man als Leser auch die leichten Momente in Edies Leben sehen: Wie sie Freundschaften kittet, die durch ihr Leben in London eingeschlafen sind. Außerdem erleben wir mit, wie Edie wieder auf die Füße kommt, ihre eigene Stärke entdeckt und einige Lehren aus den Vorfällen zieht: Nicht nur, was die Abhängigkeit von sozialen Medien angeht, sondern auch, was lang eingelebte Fehler im Verhalten irgendwann ausmachen, wenn man sich selbst in Frage stellt.

5 von 5 Punkten.

Montag, 15. Mai 2017

» Ein guter Tag zum Leben ; Lisa Genova

"Als Joe erfährt, dass er an der seltenen Krankheit Chorea-Huntington leidet, ist er 44 Jahre alt. Wenn es gut läuft, bleiben ihm noch zehn Jahre. Jahre, in denen er die Kontrolle über seinen Körper mehr und mehr verlieren wird. Wie jedes seiner vier Kinder muss auch Katie befürchten, die Krankheit ihres Vaters geerbt zu haben. Gewissheit könnte ein Gentest bringen. Doch kann sie tatsächlich mit dem Wissen leben, das der Test ans Licht bringt?"

Die Geschichte

Joe ist seit vielen Jahren Polizist in Boston, er lebt mit seiner Frau und seinen vier Kindern wie viele andere immigrierte Iren in Charlestown. Er hat noch etwa elf Jahre bis zu seiner Rente vor sich, ein Tag, an dem seine Rosie nach all den Jahren endlich nicht mehr fürchten muss, dass er nicht wohlbehalten aus dem Dienst zurückkehren wird.
Seine Kinder sind alle erwachsen, auch wenn sie noch unter seinem Dach wohnen: Der älteste JJ mit seiner Frau Colleen, Meghan, Ballerina im Boston Theatre, Patrick, der in einem Pub arbeitet, und schließlich Katie, die Jüngste, die Yoga Lehrerin ist.
Als Rosie ihn bittet, sich untersuchen zu lassen, weil sich sein bester Freund wegen mehrerer Auffälligkeiten im Dienst Sorgen macht, ahnt Joe nicht, was das lostreten wird: Er geht davon aus, dass sein Knie ihm eben so seine Probleme bereitet - und jeder vergisst mal etwas, oder? Doch als sie einige Wochen später die Diagnose Huntington erfahren, ändert sich alles: Es ist eine Krankheit, an der er in wenigen Jahren sterben wird. Eine Krankheit, die ihm die Kontrolle über seinen Körper und damit einen großen Teil seines Lebens nehmen wird. Und es ist eine Krankheit, die jedes seiner vier Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ebenso haben könnte...
Jedes Familienmitglied geht mit dieser Diagnose anders um: Weil JJ und Colleen endlich ihr erstes Kind erwarten, ist es für ihn wichtig, sich testen zu lassen - auch wenn das Ergebnis niederschmetternd ist. Meghan entschließt sich auch zu dem Test, während Katie sich von all den Entscheidungen, die so große Auswirkungen auf ihr Leben haben werden, wie gelähmt fühlt. Immerhin ist sie gerade frisch in einer wunderbaren Beziehung - und eigentlich gibt es noch so viel, was sie tun möchte. Was ist schlimmer: Das Unwissen, ob man gesund oder krank ist oder das Wissen, dass man sterben wird?


Die Bewertung

Lisa Genova nähert sich in diesem Buch einer furchtbaren Krankheit: Huntington reißt die Erkrankten mitten aus dem Leben, viel zu früh versterben sie. Auch wenn der Leser durch Joe und seine Tochter Katie, aus deren Perspektiven das Buch geschrieben ist, nur die ersten Symptome der Krankheit kennenlernen, ist es intensiv beschrieben, was sie für die verschiedenen Personen bedeuten. Während Joe lernen muss, sein Leben neu auszurichten und sein Selbstverständnis neu zu definieren, ringt Katie mit so vielen Entscheidungen, dass sie sich kaum mehr vom Fleck rühren kann.
Das Buch ist nicht nur das Porträt einer Krankheit, es zeichnet auch eine irisch-amerikanische Familie zwischen den Generationen ab, fesselt auf die verschiedensten Weisen.


5 von 5 Sternen.

Dienstag, 9. Mai 2017

» Ich könnte am Samstag ; Mark Watson

"Xavier Ireland ist Nachttalker bei einem Radiosender in London. Tagsüber beschäftigt er sich mit sich selbst, nimmt an Scrabble-Turnieren teil und lässt die Tage an sich vorbeiziehen. Erst seine vor Energie überschäumende Putzfrau Pippa macht ihm klar, dass es sich lohnt, am Leben anderer Anteil zu nehmen und damit seinem eigenen Glück auf die Sprünge zu helfen."

Die Geschichte

Xavier Samuel ist ein Londoner Radiomoderator, der mit seinem Freund Murray die Sendung Late Lines moderiert, in der nachts die Menschen ihre Sorgen, Ängste und Gedanken loswerden können. Obwohl er dort für jeden Menschen einfühlsame Antworten und Ratschläge hat und sich großer Beliebtheit erfreut, hält er sich in seinem Privatleben aus den Angelegenheiten anderer raus und führt eigentlich ein sehr zurückgezogenes Leben: Scrabble-Turniere am Wochenende, Kino-Rezensionen als Nebenjob, aber ansonsten hat er kaum Kontakte, die er pflegt. Er lebt erst seit fünf Jahren in London, hat damals in Australien alle Brücken abgebrochen und vermeidet auch die Gedanken an seine Zeit dort.
Wie so oft überredet ihn der stotternde, unsichere Murray zu etwas, und so lernt er bei einer Speed Dating Veranstaltung die quirlige Pippa kennen, eine Putzfrau, die er aus dem Bauch heraus bittet, bei ihm zu putzen. Sie stellt sein Leben auf den Kopf, denn sie ist eine Frau, die sich in den Leben anderer engagiert: Sie fragt, warum er der unter ihm wohnenden Mel nicht hilft, deren Sohn Jamie außer Rand und Band geraten ist, und auch, warum er sich nicht erkundigt, was die seltsamen Geräusche aus der Wohnung über ihm zu bedeuten haben.
Als Pippa Xavier nach einem Streit dann verlässt, merkt Xavier, dass sie Steine ins Rollen gebracht hat, die ihn nicht zur zwingen, sich mit dem größten Fehler seines Lebens auseinander zu setzen, sondern ihn direkt mitten ins Leben katalpultiert haben...

Die Bewertung

In diesem beeindruckenden Buch wird nicht nur die Geschichte von Xavier Samuel erzählt, es geht um elf andere Personen, die allesamt auf faszinierende Weise von einer einzelnen Handlung von Xavier beeinflusst werden. Weil es die kleinen Dinge sind, mit denen wir Dinge ins Rollen bringen, deren Ergebnis wir selbst vielleicht gar nicht mehr bemerken werden.
Mark Watsons Schreibstil ist überraschend anders und erfrischend, die Figuren, die auftreten, lebensecht und auch, wenn ich ein bisschen brauchte, um in das Buch hinein zu finden, konnte ich schnell nicht aufhören, dem Verlauf der Handlungskette folgen zu wollen. Es ist ein wunderbar anderes Buch mit einer Geschichte, die einen zum Nachdenken bringt.


5 von 5 Sternen.

Samstag, 6. Mai 2017

» eleanor & park ; Rainbow Rowell

"Sie sind beide Außenseiter, aber grundverschieden: Die pummelige Eleanor und der gut aussehende, aber zurückhaltende Park. Als er ihr im Schulbus den Platz neben sich frei macht, halten sie wenig voneinander. Park liest demonstrativ und Eleanor ist froh, ignoriert zu werden. In der Schule ist sie das Opfer übler Mobbing-Attacken und zu Hause hat sie mit vier Geschwistern und einem tyrannischen Stiefvater nur Ärger. Doch als sie beginnt, Parks Comics mitzulesen, entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden. Zögerlich tauschen sie Kassetten, Meinungen und Vorlieben aus. Dass sie sich ineinander verlieben, scheint unmöglich. Doch ihre Annäherung gehört zum Intensivsten, was man über die erste Liebe lesen kann."


Die Geschichte

Als das neue Mädchen, das seltsame Mädchen, das erste Mal den Schulbus betritt, macht Park ihr eigentlich nur Platz, weil er weiß, wie es ist, wenn man im Zentrum der Aufmerksamkeit jener steht, die einem das Leben so richtig schwer machen. Er ist zwar nicht gerade der uncoole Außenseiter, schließlich kennt er die anderen schon sein ganzes Leben, aber Park ist anders als sie.
Eleanor sitzt neben dem kleinen, schweigsamen Asiaten, der die Busfahrten damit verbringt, Musik zu hören und Comics zu lesen. Trotzdem: besser neben ihm sitzen, als von Tina und den anderen noch mehr gemobbt zu werden. Immerhin ist die Zeit in der Schule das wenige am Tag, an dem sie sich nicht mit ihrem Stiefvater und der Situation Zuhause auseinander setzen muss. Denn Eleanors Leben ist insgesamt kein Zuckerschlecken. Der neue Mann ihrer Mutter tyrannisiert die Familie, auch wenn ihre jüngeren Geschwister ihn irgendwann stillschweigend als Vater akzeptiert haben - mit seinen grausamen Seiten. Deshalb ist es Eleanor eigentlich egal, was in der Schule passiert.
Doch irgendwann beginnt Eleanor Parks Comics mitzulesen. Irgendwann reicht Park Eleanor seine Kopfhörer, um sie an seiner Musik teilhaben zu lassen. Irgendwann unterhalten sie sich über die Comicfiguren, obwohl es alle mitbekommen können. Und zwischen den beiden aus ihren unterschiedlichen, schwierigen Welten entwickelt sich etwas, was für sie beide ganz und gar neu ist.


Die Bewertung

Rainbow Rowell schreibt eine Geschichte über Außenseiter, sie schreibt eine Geschichte über die erste Liebe, sie schreibt eine Geschichte über die furchtbaren Dinge, die Kindern geschehen können, wenn niemand auf sie aufpasst, sie schreibt voller Gefühl.
Eleanor und Park sind wunderbar echte Charaktere, welche die Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählen: Wie aus zwei Außenseiter zwei sich liebende Außenseiter werden - und wie die magische, erste große Liebe vieles im Leben vergessen machen lassen kann. Aber eben nicht alles. Nicht grausame Stiefväter und die Ohnmacht, dass man nichts dagegen tun kann. Es geht um Vorurteile, soziale Unterschiede und die Ungerechtigkeit, die man beim Erwachsen werden erleben muss. 
Die Geschichte von Eleanor und Park geht unwahrscheinlich nah und ans Herz und begleitet einen noch eine ganze Weile, nachdem man die letzten Seite gelesen hat.

5 von 5 Punkten!

Mittwoch, 3. Mai 2017

» The Sun is also a Star ; Nicola Yoon

"Schicksalsfäden einer großen Liebe! Wie viele Dinge müssen geschehen, welche Zufälle passieren, damit sich die Wege zweier Menschen kreuzen? Als Daniel und Natasha in New York aufeinander treffen, verguckt er sich sofort in das jamaikanische Mädchen. Die zwei teilen einen Tag voller Gespräche über das Leben, ihren Platz darin und die Frage: Ist das zwischen uns Liebe? Doch ihr Schicksal scheint bereits festzustehen, denn Natasha soll noch am selben Abend abgeschoben werden."


Die Geschichte

Es ist vorrausichtlich Natashas letzter Tag in New York - auch wenn sie das noch nicht akzeptieren will. Es ist der Tag, an dem sich Daniels Zukunft entscheiden soll - auch wenn er sich nicht sicher ist, ob er diese Zukunft überhaupt will.
Natasha scheint eine letzte Chance zu erhalten, als sie die Nummer eines Anwalts erhält, der ein Experte für Abschiebungsfälle wie den ihren sein soll. Denn es ist nicht fair, dass sie abgeschoben werden soll - wegen eines Fehlers ihres Vaters! Zurück nach Jamaika, obwohl sie sich längst wie eine Amerikanerin fühlt und große Pläne hat.
Auf dem Weg begegnet sie Daniel, dem sie wie eine Fügung des Schicksals erscheint - obwohl er eigentlich auf dem Weg zum Friseur sein sollte, um eine in den Augen seiner Mutter akzeptable Frisur für das Gespräch mit einem Yale-Absolventen zu bekommen. Dieser soll ihn an der Universität empfehlen, damit er den ihm vorbestimmten Weg zum Arzt gehen soll - wie es sich seine Eltern, koreanische Einwanderer in der ersten Generation wünschen. In Daniel lebt aber eher eine Dichterseele, auch wenn man in koreanischen Familien nicht widerspricht.
Die beiden treffen aufeinander und viele Dinge geschehen, die diesen Tag zu einem unvergesslichen machen. Ist das Schicksal, was passiert?


Die Bewertung

Das Buch wird aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt: Allen voran Natashas und Daniels, die auf ihre ganz eigene Weise auf die Welt blicken: Daniel, der Poet, der Optimist, der sich seine Gefühle für Natasha unmittelbar eingesteht und alles daran setzt, Zeit mit ihr zu verbringen. Natasha, die Wissenschaftlerin, zweifelt an der Liebe, kämpft für den Verbleib in Amerika und will sich eigentlich nicht auf Daniel einlassen. Die Figuren, die am Rande der Handlung spielen, bekommen ebenfalls immer wieder ihren Moment im Scheinwerferlicht, und das ist nur ein Faktor, der dieses Buch so besonders macht. Es sind überraschende Figuren, es sind liebenswerte Figuren und auch, wenn das Buch nur einen einzigen Tag abdeckt, fesselt es. Es ist hoffnungsvoll und poetisch und einfach sehr schön.

5 von 5 Sternen.